Schweinswalfreundliche Fischerei

Schweinswale sind die einzigen Meeressäuger, die in der Ostsee zu Hause sind. Leider sind sie aus verschiedenen Gründen sehr gefährdet. Jährlich werden an der deutschen Ostseeküste z.T. über 150 tote Tiere gefunden. Ein Teil davon stirbt unbeabsichtigt als Beifang in Stellnetzen. Jetzt wollen Fischer und Naturschutz erstmals gemeinsam an einer Lösung für dieses Problem arbeiten.

Schweinswale sind scheu und schwer zu entdecken. Zum Atmen kommen die Meeressäuger an die Wasseroberfläche. (© Claus Müller)

 

Steckbrief Schweinswal

Größe & Gewicht: durchschnittlich 1,50 m, 75 kg

Alter: 10 bis 15 Jahre

Lieblingsnahrung: Fettfische, z.B. Hering. Wenn keine Heringe da sind auch Plattfische, Grundeln, Aalmuttern, Sandaale etc.

Geburt: Juli und August

(© Sliwka)

Orientierung: Schweinswale setzen eine Art Sonar zur Orientierung ein. Klicklaute, deren Echo sie wieder auffangen und in ein räumliches Hörbild einbauen. Die zu feinen Maschen der Stellnetze können sie leider oft nicht rechtzeitig wahrnehmen. Verheddern sich die Tiere in den Maschen der Netze, ertrinken sie.

 

Kürzere Netze zum Schutz der Wale

Um Schweinswale zu schützen, verkürzen die Fischer ab jetzt ihre Netze: In der Zeit von Anfang Juli bis Ende August reduzieren sie im Bereich von Flensburg bis Fehmarn innerhalb der 12-Seemeilen-Zone ihre Stellnetzlängen - je nach Fahrzeuggröße um 60 bis 85 % gegenüber der von der EU erlaubten Länge. Insgesamt soll dadurch eine Halbierung des in dieser Zeit üblichen tatsächlichen Fischereiaufwandes erreicht werden.

Zum Schweinswalschutz verkürzen die Fischer ihre Netze enorm - je nach Schiffsgröße um bis zu 85 %. (© H.Sliwka)

In welchem Umfang die Reduzierung der Netze eingehalten wird, kontrolliert ein Team vom Ostsee Info-Center. Die Mitarbeiter erfassen die Stellnetze mit GPS-Daten. Anhand der Kennzeichen auf den Stellnetzflaggen ordnen sie die Netze den Fischereibetrieben zu. So kann die Einhaltung der Netzlänge später am Schreibtisch überprüft werden.

Mitarbeiter des Ostsee Info-Centers überprüfen die Länge eines Stellnetzes in der Eckernförder Bucht. (© Karkossa-Schwarz, shz)

Anonymisierter Abholdienst für Schweinswale

Die Ablieferung von beigefangenen Schweinswalen an Forscher ist immens wichtig, denn Erkenntnisse über Krankheitenund Todesursachen der Tiere sowie über das Ausmaß der Beifangproblematik können helfen, den Schweinswal in Zukunftbesser zu schützen. Kein Fischer will einen toten Schweinswal im Netz. Im Gegenteil. Das Vorurteil "Toter Schweinswal - böser Fischer" macht es dem Fischer jedoch schwer, einen toten Wal in den Hafen zu bringen und an Forscher zu übergeben. Deshalb gibt es jetzt für alle Fischer an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste einen anonymisierten Abholdienst für tote Schweinswale. Beifänge können vor dem Einlaufen in den Hafen anonym an einen Vertrauensmann übergeben werden. Dieser kümmert sich dann um den Weitertransport an Forscher des ITAWS Büsum.

Schreiben sich Fischer gerne auf die Fahne: Schweinswalfreundliche Fischerei ist auch gut für´s Image. (© Claus Müller)

Mit PAL für den Wal

Seit April 2017 schützt das neue Warngerät PAL (Porpoise Alert) Schweinswale vor Beifängen. Diese neuartige Technik wird den Stellnetzfischern kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Die PALs wurden durch das Thünen-Institut für Ostseefischerei (TI) seit 2014 in der professionellen dänischen und deutschen Stellnetzfischerei in der westlichen Ostsee getestet. Die Ergebnisse zeigen, dass die Geräte in der Ostsee erfolgreich den Beifang von Schweinswalen verringern können.

Entwickelt hat die Technik Prof. Boris Culik mit seiner Firma "F³: Forschung . Fakten . Fantasie" in Kiel. Sein programmierbares Warngerät "spricht" die Sprache der Schweinswale: Es imitiert die natürlichen Warnlaute der Tiere auf der Frequenz von 133 Kilohertz. Das bringt die Wale dazu, ihre Echoortung zu intensivieren. So können sie die Netze rechtzeitig wahrnehmen und einen Bogen darum machen.

Eine Besonderheit des PAL ist, dass er die Wale weniger stresst als sein Vorgänger, der vor allem bei Naturschützern umstrittene Pinger. Mit Störgeräuschen sollte dieser die Wale von den Netzen fernhalten. Als "Nebenwirkung" vertreibt er die Wale aus ihren Nahrungsgebieten.

Nachdem die PALs zur Serienreife entwickelt wurden, haben sich die an der Freiwilligen Vereinbarung Beteiligten für eine großräumige Erprobung entlang der gesamten schleswig-holsteinischen Ostseeküste ausgesprochen. Dieser Praxistest hat eine Laufzeit von 2 ½ Jahren. Durch die Bereitstellung von insgesamt 1500 PALs können mehr als 300 km Stellnetz bestückt werden.

Die PALs werden ganzjährig zum Einsatz kommen und ermöglichen so einen durchgängigen Schutz der Wale. Vor dem ersten Einsatz erhalten die Fischer eine Geräteschulung durch Prof. Culik. Die Funktionskontrolle und Wartung übernimmt als Koordinationsstelle der Freiwilligen Vereinbarung das Ostsee Info-Center Eckernförde. Gefördert wird das Projekt mit Mitteln aus dem Europäischen Meeres- und Fischereifonds (EMFF) und der Fischereiabgabe.

Alle 200 m binden die Fischer die PALs in die Kopfleine des Stellnetzes ein. So ist das Netz komplett abgedeckt. (© B. Culik)