historische Aufnahmen von der Miesmuschelfischerei (Walter Nehm)

historische Aufnahmen von der Miesmuschelfischerei (Walter Nehm)

Die historische Entwicklung der Miesmuschelfischerei an der schleswig-holsteinischen Küste

Teil 1 – Die Miesmuscheln aus dem Wattenmeer …

... wurden schon in der vorgeschichtlichen Zeit als Nahrungsquelle genutzt, wie archäologische Untersuchungen alter Küchenabfallhaufen zeigen. Auch im Mittelalter dienten Miesmuscheln vor allem den ärmeren Bevölkerungsschichten zur Sicherung der Ernährung, waren sie doch nahezu rund ums Jahr ohne besondere Ausrüstung  zu beschaffen.

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Muscheln fast ausschließlich mit der Hand auf den trocken fallenden Wattflächen  gesammelt. In der gleichzeitig betriebenen, staatlich lizensierten Austernfischerei, die sich geschleppter Geräte bediente, und die im permanent mit Wasser bedeckten Teil des Wattenmeeres stattfand, wurden zeitweise junge Miesmuscheln, die als Austernschädlinge galten, mit aufgefischt. Diese Muscheln wurden ebenfalls zur Düngung der Felder verwendet.

Teil 2 – Im ersten Weltkrieg ...

... kam es zu stark steigendem Bedarf an inländisch produzierten Nahrungsmitteln. Die Miesmuscheln auf den Wattflächen wurden nun in großen Mengen geerntet, was teilweise bei Ebbe mit Forken, zunehmend aber bei Hochwasser mit Keschern oder mit geschleppten Geräten, den sog. Muscheldredgen bzw. -dredschen geschah. Durch die inzwischen vorhandene Verkehrsinfrastruktur war ein überregionaler Vertrieb möglich geworden, und die Miesmuscheln waren in ganz Norddeutschland Bestandteil der Lebensmittelrationen.

Nach dem ersten Weltkrieg ging die Nachfrage nach Miesmuscheln im Rahmen der „Normalisierung“ der Nahrungsversorgung zunächst stark zurück. Anfang der Dreißiger Jahre siedelte sich in Wyk auf Föhr eine Firma an, die zunächst mit einem aus den Niederlanden gecharterten Muschelkutter Miesmuscheln fischte, und ab etwa 1935 mit Versuchen begann, nach niederländischem Vorbild die Qualität der Muscheln durch Umlagerung auf dauerhaft mit Wasser bedeckten Flächen zu verbessern. Während des zweiten Weltkrieges wurden erneut mehr Lebensmittel aus inländischer Produktion benötigt, und die Befischung der natürlichen trocken fallenden Miesmuschelbänke wurde auch unter Hinzuziehung von beschlagnahmten niederländischen Fahrzeugen und zwangsverpflichteten niederländischen Fischern stark ausgeweitet.

Nach dem Krieg kam es vorübergehend zu geringeren Anlandemengen, was sowohl durch den Abzug der niederländischen Fahrzeuge, als auch durch strenge Eiswinter bedingt war. Aber auch nach erneuter „Normalisierung“ der Nahrungsmittelversorgung im Nachkriegsdeutschland brach diesmal die Miesmuschelfischerei nicht zusammen, im Gegenteil, sie übertraf bald die im Krieg gewonnen Jahresmengen bei Weitem. Hintergrund dieser Entwicklung war ein Parasitenbefall der in den Niederlanden und in Niedersachsen anwesenden Miesmuschelbestände, die dadurch so wenig Fleisch enthielten, dass sie nicht mehr vermarktbar waren. Der dortige Muschelbedarf wurde nun durch Anlandungen aus dem schleswig-holsteinischen Wattenmeer gedeckt, und die Nachfrage war so groß, dass die Landesregierung sich gezwungen sah, erste Regulierungen der Muschelfischerei einzuführen. Nach dem der Parasitenbefall in den Niederlanden zurückgegangen war, blieben die schleswig-holsteinischen Muschelfischereibetriebe im Geschäft, denn sie hatten zwischenzeitlich gelernt, die Qualität und die Menge der Muscheln durch das Zuchtverfahren auf ständig wasserbedeckten Kulturflächen sehr zu verbessern.

Die in Schleswig-Holstein gezüchteten Muscheln wurde mehr und mehr über das niederländische Handelszentrum vermarktet, so dass sich ein reger Handel zwischen diesen beiden Nachbarländern, der sich bis heute gehalten hat, entwickelte. Verschiedene deutsche und niederländische Firmen schlossen sich zusammen, um die logistischen und finanziellen Probleme zu überwinden.

Zu einer politisch kontroversen Diskussion über Art und Umfang der Muschelfischerei kam es mit der Ernennung des Wattenmeeres zum Nationalpark und der Veröffentlichung des Syntheseberichtes Mitte der Neuzigerjahre. Die Unternehmen haben danach einen Vertrag mit dem Land geschlossen, in dem das Fischen von Miesmuscheln zum Besatz der Kulturen im trocken fallenden Bereich des Wattenmeeres nunmehr untersagt ist. Diese dürfen nur noch in bestimmten Bereichen des Wattenmeeres gefangen werden, und nur noch zum Besatz der Kulturen verwendet werden. Nur auf festgelegten Kulturen in definierten Gebieten durfte die Muschelwirtschaft betrieben werden. Weitere strenge Begrenzungen für den Saatmuschelfang folgten.

Vom 01.01.2012 bis zum 31.12.2026 gilt ein neuer öffentlich-rechtlicher Vertrag, der weitere, strenge Auflagen und weitere Flächenreduzierungen für die Besatzmuschelfischerei, aber auch verbesserte Möglichkeiten zum Betrieb von sogenannten Saatmuschelgewinnungsanlagen enthält. Abstimmungen mit anderen Nutzern werden zukünftig jährlich durchgeführt und wissenschaftliche Begleituntersuchungen tragen dazu bei, dass auch zukünftig eine nachhaltig-ökologisch und umweltschonende Muschelfischerei und Bewirtschaftung  im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer stattfinden kann.